Aller Anfang ist schwer
Ich finde es toll, daà es heutzutage doch schon für viele Menschen fast selbstverständlich ist, wollen sie ein Tier bei sich aufnehmen, daà es eins aus dem Tierheim werden soll.Und irgendwann ist es natürlich das erste Mal, daà man eben diesen Entschluà faÃt und sich in ein Tierheim aufmacht, um dort nach dem passenden Gefährten zu suchen.
Bei uns selbst war es vor etwa einem halben Jahr soweit. Gut, vorher sind bei uns schon diverse Abgabewellensittiche eingezogen, doch bei ihnen stand eher im Vordergrund, daà sie in den schon vorhandenen Schwarm passen und sich mit ihren Artgenossen verstehen, als daà sie auch uns in ihr Herz schlieÃen müssen.
Da es aber bei anderen Tierarten, wie etwa Hund oder Katz, für gewöhnlich zu mehr Interaktion mit dem Menschen kommt, als bei einem Wellensittich, spielt da eine gegenseitige Zuneigung schon eher eine Rolle.
Weil ich auch nach der Adoption von Jakob häufiger im Tierheim Verlorenwasser bin und dort schon einige Sachen mitbekommen habe, hier eine Art Erfahrungsbericht für Menschen, die gern ein Tier aus einem Tierheim bei sich aufnehmen wollen, für die das aber vielleicht ebenfalls das erste Mal ist.
Die meisten Tierheime stellen auf ihrer Internetseite ihre Tiere vor, so daà man sich über sie schon einmal von Zuhause aus einen Eindruck verschaffen kann. Betrachtet man die Insassen, sollte man immer daran denken, nicht nur nach dem Aussehen zu schauen - viel wichtiger ist zu überlegen, welches Tier charakterlich zu einem paÃt. Ist man selbst sportlich und sehr aktiv, wird ein junger Hund mit einem groÃen Bewegungsdrang eher geeignet sein, als wenn man seine Nachmittage lieber geruhsam auf der Couch verbringen möchte.
Auch wenn man sich vielleicht schon einen potentiellen Kandidaten via WorldWideWeb ausgesucht hat, sollte man sich nie nur auf diesen versteifen, sondern ebenso offen für die anderen Tiere sein.
Nicht nur einmal habe ich es mittlerweile miterlebt, wie etwa ein älteres Ehepaar, was zwar noch gut zu Fuà ist, welches aber z.B. aktiver Hundesport völlig überfordern würde, sich genau in den Hund verguckt hat, der mindestens drei Stunden Bewegung am Stück braucht - jeden Tag. Daà so etwas nicht zusammenpaÃt, sollte eigentlich einleuchten, tut es aber leider nicht immer.
Ein Tierheim, das darauf bedacht ist, seine Tiere möglichst ihren Ansprüchen entsprechend zu vermitteln, wird einer solchen Adoption nicht zustimmen. Das bedeutet im Umkehrschluà allerdings nicht, daà man völlig ungeeignet ist - nur eben eine bestimmte Paarung wäre für keine der Seiten auf Dauer wirklich gut. Das sollte man als Interessent akzeptieren, denn schlieÃlich soll das vermittelte Tier nicht einige Wochen später wieder zurückgebracht werden, weil das Zusammenleben nicht funktioniert.
Man sollte sich auÃerdem von dem Gedanken verabschieden, daà jeder Hund sofort an das Zwingergitter gerannt kommt, sich tierisch freut, einem die Hand abschleckt und unbedingt auf eine Gassitour mit möchte. Natürlich gibt es auch solche, aber vielleicht ist gerade der Hund, den man sich ausgeguckt hat, nicht so. Vielleicht bleibt er lieber in der hintersten Ecke sitzen und tut so als sei er unsichtbar. So wie es bei Jakob der Fall war. Nahm man ihn dann trotzdem mit auf einen Spaziergang, fand er das zwar toll, interessierte sich allerdings, im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, nicht die Bohne für den Menschen am anderen Ende der Leine.
Nicht jeder Hund und auch nicht jede Katze geht gleich offen auf fremde Menschen zu. Viele haben schon schlechte Erfahrungen gemacht und/oder es entspricht einfach nicht ihrem Naturell, sich gleich jedem an den Hals zu werfen. Aus diesem Grund sollte man immer Zeit einplanen und wenn möglich zu mehreren Besuchen in Folge ins Tierheim fahren, um so eine Beziehung aufzubauen.
Aber auch dann kann man nicht erwarten, daà das Tier einen wiedererkennt und sich gleich wie ein kleines Kind freut. Manche Tierheimbewohner haben mit dem Leben schon abgeschlossen und sich aufgegeben - da braucht es weit mehr als zwei oder drei gemeinsame Spaziergänge, um das Eis zu brechen.
Genauso war es bei Jakob: Erst als er schon einige Wochen bei uns wohnte, fing er langsam an aufzutauen. Als ich ihn das erste Mal zu meinen Eltern mitnahm, hat sich mein Vater über den in sich gekehrten und lethargischen Hund gewundert, der einfach nur in einer Ecke auf der Terrasse lag und sich für nichts und niemanden interessiert hat. Eben diesen Eindruck hatte er auf uns auch im Tierheim gemacht - heute ist er ein ganz anderer Kerl.
Darum ist es wichtig, sich mit denjenigen zu unterhalten, die die Tiere schon länger kennen, zu denen die Hunde und Katzen schon eine Beziehung aufgebaut haben, der ihren wahren Charakter erkennen läÃt. Die Pfleger im Tierheim verbringen jeden Tag viele Stunden mit den Bewohnern und kennen die Eigenheiten, Bedürfnisse und Vorgeschichten ihrer Schützlinge. Auch wenn man es manchmal kaum glauben mag, daà gerade der Hund, der da Zähne fletschend am Zaun steht, ein total liebebedürftiger und verschmuster sein soll, darf man eine solche Aussage nichts als Quatsch abtun, sondern sollte sich die Zeit nehmen, die gleichen Erfahrungen zu machen.
Als Besucher eines Tierheims darf man eines nicht vergessen: Es kommen jeden Tag fremde Menschen, die sich die Tiere anschauen, versuchen Kontakt zu ihnen aufzunehmen, manchmal mit ihnen Gassi gehen ... und dann gehen diese Menschen wieder. Würde sich ein Hund gleich bei jedem Besucher auf eine Art Bindung einlassen, würde er sehr oft in einer Woche enttäuscht werden.
Wenn es bei einem Hund heiÃt, er beherrsche die Grundkommandos, hört dann aber nicht auf denjenigen, der ihn gerade seit 10 Minuten zum Spazieren ausführt, darf auch das nicht verunsichern. Jeder Mensch hat einem Hund gegenüber einen anderen Führungsstil und es braucht eine Weile, bis sich das einspielt. Ein Tierheimhund freut sich in erster Linie, daà er ausgeführt wird und will diese willkommene Abwechslung nutzen, da ist es für ihn zweitrangig, brav Sitz und Platz zu machen.
Denn: Tiere sind einfach nicht wie eine Kaffeemaschine, bei der man auf einen Knopf drückt und alles läuft. Sie sind eigene Persönlichkeiten, jedes ist anders und im Tierheim sitzen nicht selten gebrochene Seelen. Da braucht es Zeit und Geduld, um eine Bindung aufzubauen. Und die muà man sich zu nehmen bereit sein.
Drehen wir es doch einmal um: Bevor wir Menschen eine Beziehung eingehen und mit jemandem zusammen wohnen wollen, lernen wir uns doch auch erst einmal kennen und überlegen uns genau, ob wir mit unserem Gegenüber wirklich in einem Haushalt leben können und wollen. Und wenn wir dann zusammen leben, dauert es eine Weile, bis sich alles eingespielt hat und man mit den Marotten des anderen umzugehen weiÃ.
Bei einem tierischen Mitbewohner ist es im Prinzip nicht anders. Es wird einige Zeit dauern, bis man ihn wirklich kennen lernt, es wird Fortschritte und Rückschläge in der Beziehung geben - aber die Rückschläge dürfen einen nicht gleich zum Aufgeben veranlassen.
Nimmt man ein Tier aus dem Tierheim bei sich auf (oder auch eines aus erster Hand, denn hier wird es genauso immer wieder Probleme geben), läuft nicht alles von Anfang an wie am Schnürchen.
Aber es lohnt sich zu kämpfen und in die Beziehung zu investieren, denn: Aller Anfang ist schwer. Und zwar nicht nur für den Menschen, der jetzt frischgebackener Tierhalter ist, sondern auch für das Tier selbst, was nun wieder ein richtiges Zuhause hat. Bis es das realisiert hat und sich darauf einläÃt, kann es eine Zeit lang dauern, da darf man nicht gleich zu viel erwarten und seinen neuen Mitbewohner mit seinen Ansprüchen überfordern.
Ist der neue Hund oder die neue Katze dann angekommen, wird es eine Zeit geben, in der Grenzen ausgetestet werden. Je nach Charakter kann diese Zeit unterschiedlich aussehen und verschieden lang dauern.
Bei uns kam sie nach etwa drei Wochen und war sehr heftig, denn Jakob verhielt sich plötzlich äuÃerst aggressiv uns gegenüber. Man durfte ihm nicht zu nahe kommen und er verteidigte vehement alles, von dem er meinte, es wäre seins - und das war die halbe Wohnung.
Und auch wenn wir in dieser Zeit am Verzweifeln und kurz vor dem Aufgeben waren, haben wir ihn doch nicht zurück ins Tierheim gebracht, sondern diese Phase irgendwie durchgestanden.
Und heute weià ich, daà das die richtige Entscheidung war und würde den kleinen Kerl um nichts in der Welt wieder hergeben.
Der Artikel wurde am 28.01.2011 von Bea veröffentlicht.
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