Gebraucht, alt, mit Mängeln - na und?!
Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. In einer Gesellschaft, in der immer alles neu, jung, frisch und perfekt sein muß. Wenn die Kaffeemaschine kaputt ist, kommt sie auf den Müll und eine neue wird gekauft. Wenn das Auto älter als drei Jahre ist, wird es getauscht, auch wenn es noch einwandfrei läuft.Diese Mentalität erstreckt sich allerdings nicht nur auf technische Geräte, sondern alle Bereiche unseres Lebens. Auch auf unsere Tiere.
Für mich stand schon seit ich denken kann fest, daß ich einmal einen Hund haben möchte. Und genauso lange wußte ich schon, daß es einer aus dem Tierheim sein soll. Warum gerade so einer und kein Welpe vom Züchter?
Wer sich schon einmal die Mühe gemacht hat, in das Tierheim seiner Region zu fahren, um sich dort umzuschauen, weiß warum. Unzählige Tiere warten in deutschen Tierheimen auf eine zweite, dritte oder wer-weiß-wievielte Chance. Sie alle können nichts für ihr Schicksal und nicht selten landen sie in einer solchen Einrichtung, weil sie 'einfach mal so' und völlig spontan angeschafft wurden, ohne daß man sich vorher Gedanken um die Konsequenzen gemacht hätte.
Im besten Fall gibt jemand schweren Herzens sein Tier ins Tierheim, weil er es aufgrund veränderter, unvorgesehener Lebensumstände nicht mehr halten kann. So etwas kann jedem passieren.
Im schlimmsten Fall wurde eine Kreatur vernachlässigt, mißhandelt oder ausgesetzt - vielleicht sogar alles zusammen.
Sicher träumen die Meisten davon, einen Hund von klein auf bei sich zu haben, ihn auf sich prägen zu können, seine Entwicklung zu erleben. Dabei wird aber meist vergessen, daß ein Junghund von Grund auf eine konsequente Erziehung bekommen muß, lernen muß, wie er sich im Zusammenleben mit uns Menschen zu verhalten hat.
Die meisten Second-Hand-Hunde verfügen bereits über einen Grundgehorsam, sind oft schon stubenrein und an die Leine gewöhnt. Sicher muß man auch hier zusammen arbeiten, damit sich das Mensch-Hund-Team auf einander einspielen kann - aber man fängt meist nicht bei null an.
Und was die Prägung angeht: Auch ein alter Hund kann noch eine starke Bindung zu seinen Menschen entwickeln. Wer das nicht glauben möchte, Jakob ist ein perfektes Beispiel dafür. Sicherlich hat es einige Wochen gedauert, aber mittlerweile kann jeder Außenstehende sehen, wem sich der kleine Wauz zugehörig fühlt.
Als es für mich darum ging, einen Hund zu finden, wollte ich absichtlich einen älteren haben. Einen, der die Junghund- und Rüpelphase schon lange hinter sich gelassen hat und in seinem Charakter gefestigt ist.
Denn der große Vorteil bei einem erwachsenen Hund ist: Seine Persönlichkeit ist schon klar zu erkennen und man kann gut abschätzen, auf was man sich einläßt. Bei einem Welpen ist das dagegen schwer zu sagen und führt nicht selten zu unangenehmen Überraschungen.
Gut, auch Jakob zeigte nach einiger Zeit unvorgesehene und weniger schöne Charakterzüge, das kann man nicht verschweigen, aber da wir zumindest einen Teil seiner Vorgeschichte kennen, konnten wir uns schnell darauf einstellen und lernen damit umzugehen.
Und was spricht schon gegen einen Hund, der sechs oder acht Jahre oder noch älter ist? Es gibt genügend Hunde, die auch in diesem Alter noch topfit sind. Im Gegenzug gibt es zahlreiche junge Hunde, die schon mit Krankheiten zu kämpfen haben und/oder auf Medikamente angewiesen sind.
Genau wie bei uns Menschen ist es eine Frage des Charakters und (in Bezug auf die Gesundheit) eine Frage des Glücks, wie ein Tier ist und welche Vorlieben es hat - keine Frage des Alters.
Ich für meinen Teil finde es toll, daß Jakob so eine geruhsame Persönlichkeit ist und olle Regentage gern einfach verschläft. Ein junger Hund, der über mehrere Stunden am Stück jeden Tag körperlich beschäftigt sein will, würde mich überfordern. Und daß es nicht nur mir so geht, zeigen die vielen agilen, jungen Hunde, die in Tierheimen auf eine neue Familie warten, weil sie einfach zu quirlig für ihre Vorbesitzer waren.
Jakob ist auf einem Auge fast blind, langsam kündigt sich bei ihm Arthrose an - na und? Ist das ein Grund, ein Tier nicht bei sich aufzunehmen oder so etwas gar als Grund für eine Abgabe in Betracht zu ziehen?
Mit seiner Sehbehinderung kommt unser Wauz prima klar und für die Gelenkprobleme suchen wir gerade nach der besten Medikation. Sicher, das kostet Geld und auch nicht unbedingt wenig. Wer aber für sein Tier kein Geld beim Tierarzt ausgeben möchte, sollte sich erst gar keines anschaffen. Denn auch Welpen und Junghunde werden krank, können sich verletzen oder ähnliches - und werden so schnell teurer als gedacht.
Wie Jakob auch, schränkt die meisten Hunde eine Behinderung nicht großartig ein. Sie lernen schnell damit zu leben. Warum also nicht dem einäugigen oder dreibeinigen Hund eine Chance geben?
Nur weil ein Hund (oder auch ein anderes Tier) schon einen oder mehr Vorbesitzer hatte, ist es nicht weniger wert.
Nur weil er schon die 'magische' Grenze von vier Jahren überschritten hat, nicht weniger sympathisch.
Und nur weil ihn vielleicht eine alte Narbe etwas entstellt, nicht weniger liebenswürdig.
Wie eingangs schon geschrieben: Unsere Tierheime sind voll von Tieren, die auf eine Chance warten. Sie alle sind 'gebraucht', nicht wenige schon alt und einige haben gravierende Mängel. Wen ein besonders schweres Schicksal ereilt hat, auf den treffen sogar all diese Attribute zu. Aber sind diese Tatsachen ein hinreichender Grund, sie ein für alle mal auszumustern?
Der Artikel wurde am 18.11.2010 von Bea veröffentlicht.
Menschen, Tiere, Hund, Teil, Frage, Fall, Jakob, Tierheim, Wauz, Tier, Hunde, Jahre, Grund, Chance, Sicher, Geld, Junghund, Schicksal, Tierheimen, Vorbesitzer, Welpen
Ähnliche Artikel in diesem Blog
Der beste Freund des Menschen vom 24.08.2010
Wer ist hier der Boss? vom 16.09.2010
Spaziergang im Grunewald vom 19.09.2010
Endlich zu Hause! vom 22.11.2010
Aller Anfang ist schwer vom 28.01.2011
Der beste Freund des Menschen vom 24.08.2010
Wer ist hier der Boss? vom 16.09.2010
Spaziergang im Grunewald vom 19.09.2010
Endlich zu Hause! vom 22.11.2010
Aller Anfang ist schwer vom 28.01.2011

