Glückliche Werbung
Ach ja, was kann das Leben schön sein: Ein Reihenendhäuschen, Mutti, Papi und die Kinderchen. Wenn jetzt noch die tolle Tiefkühlpizza oder Schokolade oder der Joghurt dazu kommt, dann ist das Glück perfekt!Alle lächeln, alle strahlen, immer scheint die Sonne, die Bienchen summen, die Blumen blühen, das Häuschen ist immer tiptop aufgeräumt, Papis Hemd ohne eine Falte, so wie Mamis Gesicht, selbst pubertierende Kinder freuen sich auf den gemeinsamen Familienabend und der stets frisch gebürstete Familienhund engagiert sich bei Amnesty International.
Jedenfalls laut Werbung...
Ist diese Idylle nicht schön?
Kommt man sich nicht selbst schon fast asozial vor, wenn man trotz Tiefkühlpizza und Schokolade und Joghurt noch immer nicht ein bis über beide Ohren festgetackertes Grinsen im Gesicht hat und singend und tanzend durch den Garten hüpft?
Nö. Denn so ist das Leben.
Bei mir hat der Regen noch nie aufgehört, nur weil die Pizza grad aus dem Ofen gefallen ist. Meine Wohnung ist nie aufgeräumter, nur weil ich mit einer Schokolade nach Haus gekommen bin. Und es ist auch nicht immer gleich Wochenende, nur weil ein Becher Joghurt sich im Kühlschrank mit großen Schritten seinem Verfallsdatum nähert.
Denn so ist das Leben.
Macht es eigentlich nur mich stutzig, daß die Menschen in der Werbung immer gleich die gesamte 1000ml-Packung Eis auf einmal mit einem riesigen Löffel in sich hineinschaufeln und trotzdem noch durch jeden Briefschlitz passen?
Ich glaube nicht, daß mir dieses Glück vergönnt wäre.
Warum zeigt denn niemand mehr das wahre Leben?
Menschen, mit denen man sich vielleicht noch ein Stück weit indentifizieren kann. Die nicht gleich vor Glück platzen, nur weil der Grasfleck aus der Kinderhose rausgegangen ist?
Sondern die, die nach einem 49-Stunden Arbeitstag allein in ihre 13m²-Wohnung kommen, in der die Pflanzen schon vor Monaten das Zeitliche gesegnet haben und die sich dann irgendetwas nahezu Eßbares in ihrer Mikrowelle warm machen. Ich glaube, so jemand wäre auch froh, daß er endlich etwas zu Essen bekommt. Auch ohne Reihenhaus, Garten, Hund, bügelfreiem Hemd etc.
Denn so, ja SO ist das Leben.
Der Artikel wurde am 10.05.2010 von Bea veröffentlicht.
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